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Die Republik der Tugend

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 10.07.2009

Die Feiern, die heute zum 500. Geburtstag des Reformators Calvin in Genf, seiner langjährigen Wirkungsstätte, ausgerichtet werden, finden im Land Martin Luthers nur geringe Resonanz. Die Unterschiede zwischen "Lutheranern" und "Reformierten" scheinen allenfalls noch Theologen bekannt zu sein. Aber man sollte sich hier nicht täuschen: Mentalitäten, die ihre Entstehung einer religiösen Weltsicht verdanken, können auch dann fortbestehen, wenn kaum jemand mehr ihre theologische Begründung kennt.

Zu dem von Ulrich Zwingli und Johannes Calvin begründeten Zweig der protestantischen Kirchen, die im Reformierten Weltbund zusammengeschlossen sind, bekennen sich zwischen 75 und 100 Millionen Gläubige. In der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und den USA haben sie die Kultur geprägt. Calvin selbst hat den Begriff Calvinismus abgelehnt. Doch dessen Einfluss auf die Alltagskultur dieser Länder lässt sich bis heute nachweisen: in der Politik, der Wirtschaftsethik, im Verhältnis von öffentlichem und privatem Leben und in der Einstellung zu den Künsten.

Anders als in Deutschland, wo Luthers Anlehnung an die aufstrebenden Territorialfürsten zu einem verhängnisvollen Bündnis von Thron und Altar und einer religiösen Legitimierung des Obrigkeitsstaats führte, wurde die Reformation in Zürich, Bern und Genf von der städtischen Führungsschicht durchgeführt. Zwar darf man dieses Regiment von Patrizierfamilien nicht mit unserer heutigen Demokratie verwechseln, aber das in der Kirchengemeinde wie in der Kommune geltende Prinzip der Selbstregierung durch Räte etablierte das Modell einer nicht hierarchisch strukturierten Autorität. Gerade weil Calvins Theologie so stark den Kontrast zwischen der absoluten Souveränität Gottes und der in Sünde verstrickten Menschheit betonte, war in ihr kein Platz mehr für die Führungsfigur eines Fürsten oder eines Bischofs. Von hier aus führt eine Linie zum Aufstand der Niederlande gegen den spanischen König Philipp II., zur Hinrichtung des englischen Königs Charles I. 1649 durch die von Cromwell angeführten puritanischen Revolutionäre oder zur Schweizer Bundesverfassung, die keinen Präsidenten und keinen Kanzler, sondern nur eine kollektive Regierung kennt.

Diesem demokratischen Potenzial scheint ein anderer Zug in Calvins Theologie zu widersprechen: die Lehre von der Prädestination, die besagt, dass Gott in seinem unerforschlichen Ratschluss vor aller Zeit entschieden hat, wen er erwählt und wen er verdammt hat. Indem Calvin noch rigoroser als Luther betont, dass die göttliche Gnade nicht von den guten Werken oder den Eigenschaften einer Person abhängt, stehen alle irdischen Urteile über einen Menschen unter einem eschatologischen Vorbehalt: Wir wissen nicht, wie Gott über ihn urteilt. Gerade diese Unberechenbarkeit der Gnadenwahl sichert aber die Einzigartigkeit des Individuums - ein Fortschritt gegenüber den klassischen Tugendethiken. Doch der Calvinismus verspielt diesen Fortschritt, indem er die Ungewissheit über den eigenen Gnadenstand hinterrücks doch in Gewissheit verwandeln will. Woran erkennt man, wer zu den Geretteten und wer zu den Verdammten gehört? Endgültige Klarheit bringt erst der Tag des Jüngsten Gerichts, aber man kann einen tugendhaften Lebenswandel und wirtschaftlichen Erfolg im Leben als Fingerzeig deuten, dass jemand im Stand der Gnade ist. Die Irrationalität der Gnadenwahl schlägt um in das Bemühen um eine rationale Lebensführung, die Lehre von der unverdienten Seligkeit um in einen Kult von Erfolg und Arbeitsfleiß - klassischer Fall einer Dialektik der Aufklärung.

Max Weber hat daraus die These entwickelt, die asketische Arbeitsethik des Calvinismus habe den Kapitalismus hervorgebracht. Weil der Gläubige sich durch ein tugendhaftes und arbeitsames Leben vergewissern will, dass er zu den von Gott Erwählten gehört, sich dessen aber nie sicher sein kann, muss er immer noch tugendhafter und arbeitsamer sein als seine Mitmenschen. Er häuft Reichtümer an, darf sie aber nicht konsumieren, weil jeder exzessive Genuss Sünde wäre. Also bleibt ihm nur die Möglichkeit, den erarbeiteten Gewinn als Kapital neu zu investieren.

Aus diesem Hamsterrad von Triebverzicht und ständiger Kapitalakkumulation gibt es keinen Ausweg: am Ende stehen, so Webers Klage, "Fachmenschen ohne Geist" und Genussmenschen, die die Kunst des Genießens verlernt haben. Alles, was überflüssig und nutzlos ist, fällt im Calvinismus der rationalen Lebensführung zum Opfer: das Ritual, der Luxus, der Müßiggang, die Mode, das Theater, die Bilder in den Kirchen, die Musik, die Erotik. Man braucht nur Nicolas Sarkozy, den katholischen französischen Präsidenten, der an der Seite einer schönen Frau sichtlich die Macht genießt, mit dem britischen Premierminister, dem immer etwas mürrisch dreinschauenden schottischen Pfarrerssohn Gordon Brown, zu vergleichen, um zu erahnen, dass diese kulturellen Prägungen fortwirken.

In den Republiken der Antike zählten in der Politik allein die öffentlichen Tugenden: Mut, Tapferkeit, Klugheit, Weitsicht, Gerechtigkeit. Das Privatleben hatte keine politische Bedeutung. Indem der Calvinismus die Trennung zwischen öffentlicher Rolle und privater Person aufhebt, etabliert er das, was Richard Sennett die Tyrannei der Intimität genannt hat. Wer in den USA und Großbritannien ein öffentliches Amt bekleiden will, muss nachweisen, dass er auch privat ein tugendhafter Mensch ist.

So hat sich dort der Tugendterror einer "political correctness" etabliert. Politiker werden ebenso wie die Mitglieder der Königsfamilie nach ihrem intakten Familien- und Sexualleben beurteilt werden statt nach ihren öffentlichen Fähigkeiten. Und ein Begriff des Bösen hat die politische Agenda erobert, der nicht mehr das Schlechte meint, das man verhindern, sondern die Sünde, die man bestrafen muss. Die politischen Gegner sollen nicht lediglich an ihrem Tun gehindert, sondern gezüchtigt, umerzogen und bekehrt werden: Politik ist nicht mehr die Kunst, dem Schlimmen zu wehren, sondern wird zum Kreuzzug gegen das Reich des Bösen.
 
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