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Interview mit Henryk M. Broder

"Ich habe den Durchblick"

Marcus Sander, veröffentlicht am 30.10.2009
"Versöhnung ist ein absolut sinnloser Begriff", sagt Henryk M. Broder. Foto: dpa

Stuttgart - Der Publizist Henryk M. Broder hält viel von der Meinungsfreiheit, auch wenn er dafür nicht immer geliebt, aber gelegentlich beschimpft wird. Er will Nachfolger von Charlotte Knobloch werden. Er hat nur eine minimale Chance. Die will er nutzen.


"Der Antisemitismus ist nicht mein Problem."
Henryk M. Broder über den Judenhass


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Herr Broder, Sie wollen Präsident des Zentralrats der Juden werden. Warum?


Ich habe mich sehr oft über den Zentralrat geärgert! Darum! Mein Fass lief über, nachdem Stephan Kramer, der Generalsekretär, eine Erklärung abgegeben hat. Derzufolge steht Thilo Sarrazin, weil er von "Kopftuchmädchen" gesprochen hat, in einer Reihe mit Goebbels und Hitler. Ich bin dann auf Veranstaltungen immer wieder mit Kramers Statement konfrontiert worden, und zwar mit dem Tenor: Auch die Juden sind gegen Sarrazin! Da dachte ich mir: jetzt reicht es.

Aber Ihre Kandidatur ist doch chancenlos!


Ich bin ziemlich chancenlos, klar. Aber es wäre überhaupt nie in der Welt etwas bewegt worden, wenn die Leute sich vorher überlegt hätten, welche Chancen sie haben. Die Chancen von Kolumbus, Amerika zu entdecken, waren minimal, und die Chancen meiner Mutter, der Endlösung zu entkommen, waren noch minimaler. Beides ist noch mal gutgegangen. Wenn jemand wie Rainer Brüderle Minister werden kann, dann habe auch ich gute Chancen, Zentralratspräsident zu werden.

Sie schreiben, der Zentralrat sei in einem "erbärmlichen Zustand". Was stört Sie?


Der Zentralrat gibt vor allem Erklärungen zur Lage der Nation ab, und das mit einer Häufigkeit und Beliebigkeit, die zur Folge hat, dass kaum noch jemand darauf hört. Der erbärmliche Zustand des Zentralrats kommt auch daher, weil Sie lange suchen müssen, bis Sie da irgendeine Erklärung finden, die sprachlich witzig ist, intellektuell anspruchsvoll oder historisch bedeutend. Im Prinzip bewegt sich der Zentralrat auf dem intellektuellen Niveau des ADAC oder des Bauernverbandes.

Mit Verlaub, ist das schon alles?


Nein, nein. Was mich noch mehr stört, ist die Ehrpusseligkeit. Der Zentralrat war am 27. Januar zu der Auschwitz-Befreiungsfeier im Bundestag eingeladen, aber Charlotte Knobloch, die Präsidentin, und andere Mitglieder des Zentralrats blieben aus Protest fern, weil sie nicht auf der Zuschauertribüne Platz nehmen wollten. Das ist kleinkarierter Größenwahn! Nicht hinzugehen mit dem Hinweis darauf, dass man die schlechten Plätze bei der Feier erwischt, das ist unglaublich. Es reicht schon, dass die Juden erster Klasse nach Auschwitz gefahren sind. Da können sie ruhig mal auf den hinteren Plätzen im Bundestag sitzen.

Was haben Sie gegen Frau Knobloch?


Ich habe überhaupt nichts gegen Frau Knobloch. Ich habe sie ein einziges Mal in meinem Leben getroffen, ich finde, sie ist eine nette, charmante Frau. Aber sie passt in diesen Job so wie ich in den Vorstand von VW. Das ist einfach nicht ihr Ding.

Was haben Sie denn, was die Amtsinhaberin, eben Frau Knobloch, nicht hat?


Was ich habe? Durchblick.

Jetzt müssen Sie selber lachen, oder?


Nein. Ich kann Situationen beurteilen. Und ich habe nicht das Bedürfnis, lieb Kind zu sein. Ich glaube, dass die Leute im Zentralrat vor allem Angst haben, nicht zur nächsten Gartenparty des Bundespräsidenten eingeladen zu werden. Der Zentralrat wird permanent von zwei Vorstellungen gejagt. Die eine ist die, dass er in Bedeutungslosigkeit versinken könnte. Und diese Vorstellung ist vollkommen berechtigt, es gibt 100.000 Juden in Deutschland, aber jetzt gibt es drei bis vier Millionen Muslime. Die zweite Vorstellung, die den Zentralrat quält, ist die, er könnte durch schlechtes Benehmen ein schlechtes Licht auf die Juden werfen. Aber Antisemiten brauchen keine Hilfe von den Juden.

Werden Sie zurzeit häufig beschimpft?


Unter hundert Briefen, die ich bekomme, sind vielleicht ein, zwei antisemitische. Ich wundere mich selbst darüber. Manchmal bin ich auch ein wenig neidisch, wenn ich höre, was für antisemitische Briefe Rafael Seligmann bekommt oder zu bekommen behauptet. Die paar Hassbriefe sind mir vollkommen egal. Ich veröffentliche sie auf meiner Webseite. Der Antisemitismus ist nicht mein Problem. Ich bin der Pathologe, der ihn analysiert. Aber ich bin dadurch nicht verletzbar. Im Gegenteil, die Antisemiten sind wahnsinnig verletzt durch die Tatsache meiner Existenz. Alleine dass meine Mutter Auschwitz überlebt hat und ich jetzt hier ein paar Leuten auf der Nase rumtanzen kann, kränkt die dermaßen, dass ich daran sehr viel Spaß habe.

Sie wollen die Holocaust-Leugnung als Straftatbestand abschaffen. Weshalb?


Ich würde gerne die Zahl der symbolischen Handlungen reduzieren. Mir ist schon klar, dass es gute Motive gab, den Paragrafen einzuführen. Aber heute ist er kontraproduktiv. Erstens ist die Zahl der Verfahren wegen Holocaust-Leugnung minimal. Zweitens kommt er Idioten, Schwätzern und Psychopathen wie David Irving und Horst Mahler entgegen, die dann behaupten können, sie würden wegen einer Meinungsäußerung bestraft werden. Und mich interessiert der letzte Holocaust viel weniger als der mögliche künftige Holocaust des Herrn Ahmadinedschad.

Der nächste Holocaust geht vom Iran aus?


Ich hoffe nicht, aber es sieht so aus, als ob es passieren könnte. Zumindest muss man die Drohungen ernst nehmen. Die Gefahr besteht, dass Ahmadinedschad den Job zu Ende bringen könnte, den die Nazis auf halbem Weg abbrechen mussten.

Es ist immer viel von Versöhnung zwischen Juden und Deutschen die Rede...


Versöhnung ist ein absolut sinnloser Begriff. Mit meinen Freunden brauche ich mich nicht zu versöhnen, mit meiner katholischen Frau auch nicht. Und mit den anderen, den Alt- und Jungnazis, will ich mich nicht versöhnen. Ich will mich nicht versöhnen mit Horst Mahler. Versöhnung ist ein absoluter Fakebegriff. Wir brauchen keine Versöhnung mehr. Sie hat auf der Touri-Ebene längst stattgefunden.

Was brauchen wir?


Nichts. Normalen Alltag. Routine. Schauen Sie, Psychologen, Soziologen, Sozialarbeiter kreieren ja einen Großteil der Probleme, die sie lösen wollen, selber. Und das Gleiche gilt auch für die christlich-jüdische Gesellschaft, den Zentralrat oder die Deutsch-Israelische Gesellschaft.

Haben Sie keine Angst, dass Sie am Ende wirklich Präsident des Zentralrats werden?


Mir fehlt das Angstgen. Angst habe ich nur, wenn ich auf der Autobahn fahre und irgendwelche Idioten mich mit 150 bei Nebel überholen.


Kommentare (10)
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Aber hallo,
31.10.2009
@Guerreiro
Der Beitrag dieses Schlau-, äh Silberfuchses verzichtet allerdings auch nicht gerade auf Pauschalisierungen und Mutmaßungen. Meinungsäußerungen haben halt nun mal die Eigenschaft, dass sie Meinungen wiedergeben. Wie die von X-tian. Wobei ich mich zu der zitierten Hälfte der Deutschen zähle (während mein halber Freundeskreis aus Ausländern besteht). Das ist für mich kein Widerspruch.
Und damit wären wir schon zu zweit.
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