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Interview

Ein alter Zirkusgaul will's wissen

Tilmann Gangloff, veröffentlicht am 07.02.2010
Felix Huby fordert von Fernsehredakteuren mehr Risikofreude. Foto: factum / granville

Stuttgart - Felix Huby kurt am Bodensee und macht sich Gedanken über die Mauscheleien bei den Sendern.


"Ich würde erst alle Kochshows abschaffen und dann die Werbung."
Felix Huby über Fernsehen, das auch ihm gefällt


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Als die Betrügereien der NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze ans Licht kamen, zeigte sich: Die Branche wusste längst Bescheid. Sie auch?


Ich auch. Es sind immer wieder mal Produzenten zu mir gekommen und sagten, "Du warst doch Journalist, forsch doch da mal nach." Heute ärgere ich mich, dass ich mich nicht dahintergeklemmt habe.

Warum haben Sie nicht?


Die einfache Antwort: Ich hatte eine Menge anderes zu tun. Offen gestanden hatte sie unglaublich viel Einfluss und ein beachtliches Durchsetzungsvermögen. Ohne Not legt man sich mit so jemandem nicht an. Genutzt hat es mir leider nichts: Sie hat mir eines meiner schönsten Projekte, die Konzeption und den Pilotfilm für den NDR-"Tatort"-Kommissar Casstorff, auf ziemlich üble Weise aus der Hand gewunden.

Woher nehmen solche Menschen die Zeit, auch noch Drehbücher zu verfassen?


Unsereins muss ja bis zu sieben Versionen schreiben, aber wenn man seine eigenen Sachen abnickt, geht's natürlich schneller. Und Heinze war beim NDR ja nicht immer involviert. Ich erinnere mich an ein "Tatort"-Drehbuch von mir, das hat im Grunde Manfred Krug abgenommen.

Bei den TV-Filmen des NDR sind Gelder in fremde Taschen geflossen. Merkt man als Regisseur nicht, dass da was faul ist?


Ich denke, man will's nicht merken. Wir leben momentan in einer seltsamen Gesellschaft. Es ist doch unglaublich, was derzeit alles möglich ist und auch ganz schnell sanktioniert wird.

Früher wurde nicht gemauschelt?


Doch, natürlich. Aber ich glaube, nicht so dreist. Als ich 1981 für die Bavaria meinen ersten Schimanski-"Tatort" geschrieben habe, tauchte der Produzent plötzlich als Koautor auf. Die Bavaria zahlte ihren Mitarbeitern damals nicht viel, erlaubte ihnen aber, als Autoren zu arbeiten. Der Mann hat auf diese Weise sein Gehalt aufgebessert.

Die ARD-Sender haben sich nachdrücklich vom System Heinze distanziert. Glauben Sie das?


Bei SWR und WDR halte ich Betrug für ausgeschlossen. Beim ZDF dagegen gab es Dinge, die angreifbar waren. Da hat ein Hauptabteilungsleiter einen Kurzgeschichtenband veröffentlicht. Daraus wurde dann eine Fernsehserie, die seine Frau geschrieben und die er abgenommen und später auch verlängert hat.

Und damit ist er durchgekommen?


Er war so klug, sich das von der Spitze des Hauses sanktionieren zu lassen. Das liegt freilich Jahre zurück. Heute wäre das vermutlich auch im ZDF nicht mehr möglich.

Warum machen Redakteure so etwas?


Wenn es um viel Geld geht, gibt es immer große Begehrlichkeiten. Oft kann man sich nicht erklären, warum ein Buch plötzlich abgelehnt wird, obwohl es laut Redakteur "auf einem guten Weg" war. Ich habe das beim Pilotbuch für "Rosa Roth" erlebt. Nach diversen Fassungen hieß es, da muss ein Skriptdoktor ran, und der war dann plötzlich der Autor. Die Figuren, die Geschichte: alles war von mir. Dennoch hieß es lediglich "Nach einer Idee von..." Später verkündete Iris Berben, eigentlich sei das Ganze ja von ihr.

Sie haben alles erreicht. Warum tun Sie sich das eigentlich noch an?


Die Frage habe ich mir in den letzten Jahren auch öfter gestellt. Aber ich bin da wie ein alter Zirkusgaul, der sofort seine Kunststücke vollführt, wenn er in die Manege kommt und die Musik spielt. Ich kann sehr schlecht Nein sagen. Und es gibt ja auch Arbeiten, die Spaß machen. Bei "Großstadtrevier" würde ich weiter mitmachen, und falls das ZDF weitere meiner Heiland-Romane verfilmt, bin ich dabei.

Wie viele Drehbücher von Ihnen gibt es denn insgesamt?


Angeblich an die siebenhundert. Die große Herausforderung wird wohl nicht mehr kommen, und um ganz ehrlich zu sein: Es bliebe die Frage, ob ich ihr noch gewachsen wäre. Gerade in der Zusammenarbeit mit jungen Autoren merkt man auch immer öfter, dass man eben doch nicht mehr immer auf der Höhe der Zeit ist.

Mit 71 sind Sie kaum älter als ihr Publikum.


Aber ARD und ZDF versuchen ja, jüngere Menschen zu erreichen, damit am Ende nicht bloß noch Achtzigjährige zuschauen.

Wie sieht Ihr Wunschprogramm aus?


Ich würde erst alle Kochshows abschaffen, dann die Werbung und schließlich mehr auf erzählendes Fernsehen und spannende Geschichten über aktuelle Themen setzen. Aber dafür müssten die Redakteure bereit sein, Risiken einzugehen. Und ihre Chefs müssten sich trauen, auch mal Misserfolge zuzulassen. So aber wird lieber den sieben "Sokos" eine achte hinzugefügt.

Warum unterschätzen die Sender ihr Publikum derart?


Ich weiß es nicht. Dabei könnte man den Leuten viel mehr zumuten. Aber ich bin ja mit Filmen wie "Die Landärztin" oder "Im Tal des Schweigens" auch nicht ganz frei von Schuld.

Gibt es ein Autorenproblem?


Ja, aber eines, das wir früher nicht für möglich gehalten hätten: Durch die hervorragende Ausbildung an den Film- und Fernsehhochschulen kommen immer mehr gute Autoren nach, für die es nicht genügend Sendeplätze gibt. Und natürlich wollen sie nicht in den ausgefahrenen Gleisen arbeiten. Das ist für Redakteure eine echte Herausforderung.

Also gibt es ein Redakteursproblem: weil es einfacher ist, Frau Neubauer nach Afrika zu schicken?


Oder Frau Ferres. Autoren, die derlei schreiben, finden sich immer. Aber das Außergewöhnliche, das Unerwartete wird viel zu selten versucht. Im Alter neigt man ja ohnehin zu Nostalgie, aber das war früher anders. Männer wie Günther Rohrbach oder Gunther Witte waren noch Vollblutredakteure. Heute sitzt man oft coolen Beamtentypen gegenüber...

...für die die Quote vom Vortag das Maß aller Dinge ist.


Dabei sind diese Zahlen ohnehin abstrakt. Drei Millionen Zuschauer: Das kann man sich doch schon gar nicht mehr vorstellen. Wir hatten mal bei einem Schimanski-"Tatort" 32 Millionen. Das war quasi das halbe Land. Natürlich ist es schön, wenn man ein großes Publikum hat, über die Qualität eines Films sagt das jedoch gar nichts.

Was würden Sie ARD und ZDF raten?


Es muss ihnen gelingen, wieder das Image eines Kulturguts zu bekommen, das man gern konsumiert. Natürlich sagt sich das leicht als Bildungsbürger. Die Frau, die morgens schon müde zur Arbeit geht, weil sie erst noch ihr Kind in die Kita bringen muss, die abends erschöpft nach Hause kommt, wo der Haushalt wartet: die wird nie Arte schauen. Aber sie ist meine Zuschauerin. Sie repräsentiert die große, schweigende Mehrheit. Ihr etwas zu bieten, was sie gut unterhält und trotzdem Qualität hat: Das wäre den Schweiß der Edelsten wert!


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