Interview mit Joachim Fuchsberger
"Wir haben Biss, nicht nur Gebisse"
Tilmann Gangloff, veröffentlicht am 03.02.2010
Stuttgart - Am Mittwoch läuft in der ARD die Alten-Komödie "Spätzünder". Das Fernseh-Urgestein Joachim Fuchsberger spielt auch mit.
Warum? Wir haben doch noch gar nicht angefangen!
Unfug! Ich rede gern mit Journalisten - wenn sie was von ihrem Beruf verstehen. Allerdings schimpfen sich heute auch eine Menge Menschen "Journalist", die in Wirklichkeit bloß Dummschwätzer sind.
Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen heute und damals: Heute ist mir das alles wurscht, weil ich nicht mehr zu den Leidtragenden gehöre. Ich mache nur noch Sachen, die mir Freude bereiten. Außerdem habe ich mir angewöhnt, mich nur noch aufzuregen, wenn ich hoffen kann, dass mein Ärger etwas bewirkt.
Ich kann nicht verstehen, dass die ARD der Komödie "Live is Life", wie sie ursprünglich hieß, den Titel "Die Spätzünder" gegeben hat. Spätzünder sind Leute, die schwer von Begriff sind: eine Diskriminierung der Figuren. Unser Film aber zeigt Menschen, die sich im Alter einem Reglement unterwerfen müssen, das ihnen die Lebensfreude nimmt. Der Titel ist ein Beispiel dafür, wie ein Sender mit der Wurst nach Speck wirft: Er legt eine Posse nahe.
Damals wurde mir befohlen, Dinge wider besseres Wissen zu tun. Ich hatte die Wahl, mich unterzuordnen oder mich nicht verbiegen zu lassen. Und weil ich immer ein Freund von Zivilcourage war, habe ich gesagt: Macht euren Mist alleine! Aber es hatte auch sein Gutes, denn ich durfte "Terra Australis" drehen, eine Reportage über Australien. Aus dem einen Film wurden schließlich 21.
Wir haben heute kein Qualitätsproblem mehr, sondern die Qual der Wahl. Der durchschnittliche Zuschauer hat doch nie gelernt, mit so einem gewaltigen Angebot umzugehen! Er zappt abends ein paar Stunden lang durch alle Programme und geht am Ende unzufrieden ins Bett. Dabei ist gerade das öffentlich-rechtliche Angebot zum Teil sensationell gut.
Nein, ich war ja noch nicht fertig: ARD und ZDF verfügen über eine riesige Summe an Gebührengeldern, dennoch hört man sie immer nur jammern. Außerdem machen sie ohne Not zu viele Konzessionen an den breiten Publikumsgeschmack. Zudem unterhalten sie eine Vielzahl von Sendern, die kein Mensch braucht. Das ganze System müsste gründlich hinterfragt werden.
Ich hoffe es. Langsam kommt man ja sogar in der Werbung dahinter, dass alte Menschen so notwendig sind wie junge. Ein Teil der Jugend hat noch nicht begriffen, dass es fürs Gehirn kein Navigationsgerät gibt - und genau diese Rolle müssten wir Alten übernehmen: Bitte wenden!
Unbedingt! Für mich war es sehr erfreulich, das Drehbuch zu "Live is Life" zu lesen. Allerdings fehlte ursprünglich eine Komponente: Der Tod spielt in Altenheimen naturgemäß eine große Rolle, er ist ständig Gesprächsthema. Der Tod der Geigerin gibt der Geschichte nun eine neue Dimension, vor allem im Vergleich zu einer Seniorenposse, die ich kürzlich im Kino gesehen habe. Den Titel verschweige ich aus Höflichkeit, aber da ist unser Film doch von anderem Kaliber. Darin geht es zwar weniger um Gebisse, dafür hat er mehr Biss.
In der Szene, in der sich die Heimbewohner zum Casting für die Musikgruppe einfinden, haben wir auf dem Boden gelegen. Ich hatte das Gefühl, mir bricht vor Lachen das Herz. Es war eine Offenbarung, mit der Elite des Wiener Burgtheaters zusammenarbeiten zu dürfen. Ich hoffe sehr, dass unser Film Autoren, Regisseure und Produzenten dazu animiert, sich mehr mit dem Thema Alter zu befassen.
Lassen Sie mich das mit einer Anekdote beantworten. Als Heidi Brühl ein Star in Las Vegas war, habe ich sie gefragt, ob sie für immer in Amerika bleiben werde. Sie antwortete in tiefstem Bayerisch: "Wenn man lange genug weg ist, hat man irgendwann sogar Heimweh nach Weißwürsten, obwohl man die eigentlich gar nicht mag."
Mittwoch, 03.02.2010, ARD, 20.15 Uhr
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Herr Fuchsberger, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.
Warum? Wir haben doch noch gar nicht angefangen!
Stimmt, aber Sie haben vor 25 Jahren so heftig mit Kritikern abgerechnet, dass man sich gar nichts mehr zu fragen traut.
Unfug! Ich rede gern mit Journalisten - wenn sie was von ihrem Beruf verstehen. Allerdings schimpfen sich heute auch eine Menge Menschen "Journalist", die in Wirklichkeit bloß Dummschwätzer sind.
Sie haben sich schon vor Jahrzehnten kritisch über die Entwicklung des Fernsehens geäußert. Hat sich was verändert?
Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen heute und damals: Heute ist mir das alles wurscht, weil ich nicht mehr zu den Leidtragenden gehöre. Ich mache nur noch Sachen, die mir Freude bereiten. Außerdem habe ich mir angewöhnt, mich nur noch aufzuregen, wenn ich hoffen kann, dass mein Ärger etwas bewirkt.
Worüber ärgern Sie sich denn heutzutage?
Ich kann nicht verstehen, dass die ARD der Komödie "Live is Life", wie sie ursprünglich hieß, den Titel "Die Spätzünder" gegeben hat. Spätzünder sind Leute, die schwer von Begriff sind: eine Diskriminierung der Figuren. Unser Film aber zeigt Menschen, die sich im Alter einem Reglement unterwerfen müssen, das ihnen die Lebensfreude nimmt. Der Titel ist ein Beispiel dafür, wie ein Sender mit der Wurst nach Speck wirft: Er legt eine Posse nahe.
Nach dem Ende von "Auf los geht's los" hatte man den Eindruck, Sie seien fertig mit dem Fernsehen. Was war passiert?
Damals wurde mir befohlen, Dinge wider besseres Wissen zu tun. Ich hatte die Wahl, mich unterzuordnen oder mich nicht verbiegen zu lassen. Und weil ich immer ein Freund von Zivilcourage war, habe ich gesagt: Macht euren Mist alleine! Aber es hatte auch sein Gutes, denn ich durfte "Terra Australis" drehen, eine Reportage über Australien. Aus dem einen Film wurden schließlich 21.
Es ist ja schon immer gern übers Fernsehen geschimpft worden. Ist das Programm besser oder schlechter geworden?
Wir haben heute kein Qualitätsproblem mehr, sondern die Qual der Wahl. Der durchschnittliche Zuschauer hat doch nie gelernt, mit so einem gewaltigen Angebot umzugehen! Er zappt abends ein paar Stunden lang durch alle Programme und geht am Ende unzufrieden ins Bett. Dabei ist gerade das öffentlich-rechtliche Angebot zum Teil sensationell gut.
Sie haben doch nicht etwa Ihren Frieden mit dem Fernsehen geschlossen...
Nein, ich war ja noch nicht fertig: ARD und ZDF verfügen über eine riesige Summe an Gebührengeldern, dennoch hört man sie immer nur jammern. Außerdem machen sie ohne Not zu viele Konzessionen an den breiten Publikumsgeschmack. Zudem unterhalten sie eine Vielzahl von Sendern, die kein Mensch braucht. Das ganze System müsste gründlich hinterfragt werden.
Zurück zu den "Spätzündern": Glauben Sie, solche Filme können helfen, eine Brücke zwischen Jung und Alt zu schlagen und gegenseitiges Verständnis zu wecken?
Ich hoffe es. Langsam kommt man ja sogar in der Werbung dahinter, dass alte Menschen so notwendig sind wie junge. Ein Teil der Jugend hat noch nicht begriffen, dass es fürs Gehirn kein Navigationsgerät gibt - und genau diese Rolle müssten wir Alten übernehmen: Bitte wenden!
Gilt der Appell auch den Sendern? Selbst bei ARD und ZDF kommen alte Menschen nur selten vor.
Unbedingt! Für mich war es sehr erfreulich, das Drehbuch zu "Live is Life" zu lesen. Allerdings fehlte ursprünglich eine Komponente: Der Tod spielt in Altenheimen naturgemäß eine große Rolle, er ist ständig Gesprächsthema. Der Tod der Geigerin gibt der Geschichte nun eine neue Dimension, vor allem im Vergleich zu einer Seniorenposse, die ich kürzlich im Kino gesehen habe. Den Titel verschweige ich aus Höflichkeit, aber da ist unser Film doch von anderem Kaliber. Darin geht es zwar weniger um Gebisse, dafür hat er mehr Biss.
"Die Spätzünder" zeigen auch, wie gut alte Schauspieler sein können.
In der Szene, in der sich die Heimbewohner zum Casting für die Musikgruppe einfinden, haben wir auf dem Boden gelegen. Ich hatte das Gefühl, mir bricht vor Lachen das Herz. Es war eine Offenbarung, mit der Elite des Wiener Burgtheaters zusammenarbeiten zu dürfen. Ich hoffe sehr, dass unser Film Autoren, Regisseure und Produzenten dazu animiert, sich mehr mit dem Thema Alter zu befassen.
Sie sind nach 25 Jahren in Australien wieder nach Hause gekommen. Warum?
Lassen Sie mich das mit einer Anekdote beantworten. Als Heidi Brühl ein Star in Las Vegas war, habe ich sie gefragt, ob sie für immer in Amerika bleiben werde. Sie antwortete in tiefstem Bayerisch: "Wenn man lange genug weg ist, hat man irgendwann sogar Heimweh nach Weißwürsten, obwohl man die eigentlich gar nicht mag."
Mittwoch, 03.02.2010, ARD, 20.15 Uhr
Mit Whisky und Pfeife: Joachim Fuchsberger
Kino
Am Wochenende ist Joachim Fuchsberger, am 11. März 1927 in Stuttgart geboren, mit einer "Goldenen Kamera" für sein Lebenswerk geehrt worden. Und das zu Recht: Der Schauspieler und Moderator, wegen seiner Vorliebe für eine bestimmte Whiskymarke "Blacky" genannt, hatte seinen Durchbruch als Hauptdarsteller der Filmreihe "08/15" (1954). Auf der Höhe seines Kinoruhms spielte er den Inspektor in mehreren Edgar-Wallace-Filmen.Fernsehen
Fuchsbergers erfolgreichste TV-Sendungen waren die Spielshow "Auf los geht’s los" sowie die Talkshow "Heut’ Abend". Sein Markenzeichen war die Pfeife, aber nach drei Herzoperationen hat er seit 15 Jahren Rauchverbot.Kommentare (0)
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